Das
Asperger-Syndrom wurde von dem Wiener Kinderarzt Hans Asperger 1944 erstmalig
in seiner Doktorarbeit beschrieben und veröffentlicht.
Seine Arbeit wurde jedoch erst in den 90er Jahren von anderen Wissenschaftlern
aufgegriffen und weitergeführt.
Tony Attwood arbeitet seit 25 Jahren mit
Kindern und Erwachsenen mit dem Asperger Syndrom und veröffentlichte 1989 ein
Buch darüber (Das Asperger-Syndrom: Ein Ratgeber für Eltern).
Nach wie vor ist
dieses Syndrom auch in Fachkreisen wenig bekannt und wird häufig gar nicht oder
erst sehr spät diagnostiziert.
Das Asperger Syndrom wird als Untergruppe des autistischen Spektrums angesehen
und hat seine eigenen Diagnosekriterien. Dabei kommt es wahrscheinlich deutlich
häufiger vor als der frühkindliche Autismus und betrifft auch Kinder, die nach
klassischen Kriterien nicht als autistisch eingestuft worden wären.
Neueren Forschungsergebnissen zur Folge ist das Asperger Syndrom eine
Entwicklungsstörung, die auf Fehlfunktionen im Gehirn zurückgeführt wird. Dabei
scheint zum einen das Kleinhirn betroffen mit seinen Aufgaben für die
Koordination der Bewegung, der Sprache und der Sensorik. Darüber hinaus wird in
der letzten Zeit sehr häufig die Bedeutung von Spiegelneuronen im Zusammenhang
mit dem Asperger Syndrom diskutiert. Die Schädigung der entsprechenden
Gehirnregionen kann genetisch bedingt sein oder auch während der
Schwangerschaft bis zu den ersten Lebensmonaten eingetreten sein. Die Erziehung
und das Verhalten der Mutter spielen nachweislich keine Rolle bei der Entstehung
des Asperger Syndroms.
Bei der Geschlechterverteilung fällt eine deutliche Verschiebung des
Gleichgewichts zugunsten der Jungen auf. Dies wird jedoch auch darauf
zurückgeführt, dass betroffene Mädchen sich meist nicht so „störend“ verhalten
wie Jungen und daher seltener diagnostiziert werden.
Das Diagnosekriterium „soziale Beeinträchtigung“ liegt vor, wenn ein Kind
mindestens zwei der folgenden Merkmale aufweist: die Unfähigkeit, mit
Gleichaltrigen zu interagierenden mangelnden Wunsch, mit Gleichaltrigen zu
kommunizieren bzw. in Kontakt zu treten
ein fehlendes Verständnis für soziale Signale
ein sozial und emotional unangebrachtes Verhalten.
Die nonverbale Kommunikation ist beeinträchtigt, wenn ein Kind mindestens eines
der folgenden Merkmale aufweist: begrenzte Gestik, unbeholfene/linkische
Körpersprache, eingeschränkte Mimik, unangemessener Ausdruck, sonderbarer, starrer
Blick. Dabei können die Symptome bei jedem Kind verschieden stark ausgeprägt
sein. Auch Kinder mit Asperger Syndrom sind Individualisten!
Ein Kind mit Asperger Syndrom ist sich über die ungeschriebenen Regeln der
sozialen Interaktion nicht im Klaren und sagt oder tut unabsichtlich mitunter
Dinge, die andere Menschen kränken oder ärgern können. Erklärt man dem Kind die
Verhaltensregeln, wird es sie kognitiv erfassen und versuchen sie einzuhalten.
Es wird jedoch immer wieder Schwierigkeiten haben, sein Verhalten fein
nuanciert der Situation anzupassen.
Kinder mit Asperger Syndrom haben Schwierigkeiten im Kontakt mit
Gleichaltrigen. Manche vermeiden den Kontakt, andere geraten immer wieder in
Konflikte. Viele bevorzugen den Kontakt mit deutlich jüngeren Kindern oder mit
älteren Kindern oder Erwachsenen.
Obwohl die meisten Kinder mit Asperger Syndrom einen großen Wortschatz und eine
korrekte Grammatik haben, sind sie oft nicht im Stande, ein richtiges Gespräch
zu führen. Sie halten Monologe und gehen nicht auf ihren Gesprächspartner ein.
Häufig klingt ihre Sprache monoton und wenig moduliert. Im Verständnis kommt es
oft zu Fehlinterpretationen, insbesondere bei ironischen oder doppeldeutigen
Bemerkungen.
Viele Menschen mit Asperger Syndrom sind sehr stark von einem speziellen Thema
oder Interesse gefesselt. Dieses Thema nimmt sehr viel Raum in ihrem Leben ein,
beherrscht ihre Gespräche und ihr Tun. Auf andere Menschen wirken diese
Interessen zunächst oft faszinierend, sind aber im weiteren Verlauf meist
extrem störend im Kontakt.
Kinder mit Asperger Syndrom bevorzugen gleichbleibende, festgelegte Abläufe und
Routinen, die meist streng eingehalten werden. Auf Abwechslung oder
Überraschungen legen sie wenig Wert.
Ihre Spezialinteressen und Routinen geben ihnen Sicherheit und Entspannung.
Man kann diese Interessen positiv und konstruktiv nutzen für eine spätere
berufliche Tätigkeit oder auch für soziale Kontakte, beispielsweise in
bestimmten Vereinen, muss jedoch immer darauf achten, dass sie nicht zu viel
Raum einnehmen und zum Rückzug führen.
Kinder mit Asperger Syndrom sind häufig motorisch beeinträchtigt. Sie haben
Schwierigkeiten beim Ballspielen, können ihre Schnürsenkel nicht selbst
zuzubinden, haben graphomotorische Probleme, können nicht gut mit der Schere
umgehen und vieles mehr. Häufig kommt es zu Problemen im Schulsport oder zu
Schwierigkeiten im Unterricht, wenn schnelles Schreiben oder sauberes Zeichnen
gefordert wird.
Als Theory of Mind bezeichnet man die Fähigkeit, sich eine Vorstellung über die
Gedanken und Gefühle anderer Menschen zu machen. Diese Fähigkeit ist bei
gesunden Kindern ungefähr im Alter von vier Jahren entwickelt. Menschen mit
Asperger Syndrom sind in dieser Fähigkeit meist stark beeinträchtigt. Selbst
wenn sie von den Gedanken und Gefühlen ihres Gegenübers wissen, sind sie oft
unfähig, adäquat darauf zu reagieren. Ihr Verhalten ist dadurch oft sehr
unpassend und für andere mitunter kränkend oder verletzend.
Die kognitiven Fähigkeiten eines Kindes mit Asperger Syndrom unterscheiden sich
nicht wesentlich von denen gesunder Kinder. Bei Intelligenztests fällt jedoch
häufig auf, dass Fähigkeiten sehr ungleichmäßig verteilt sind. Insgesamt sind
Kinder mit Asperger Syndrom weder dümmer als andere, noch sind sie besonders
häufig hochbegabt. Das Gedächtnis ist oft gut, häufig fotografisch. Menschen
mit Asperger Syndrom neigen dazu, in ihrem Denken sehr einseitig und rigide zu
sein und sich Veränderungen nur schlecht anzupassen. Dadurch wirken sie oft
hartnäckig und stur.
Viele Menschen mit Asperger Syndrom sind sensorisch sehr empfindlich oder
überempfindlich. Dies kann beispielsweise Klänge, Berührungen, Geschmack,
Geruch, Lichtintensität oder Farben betreffen. In Bezug auf Schmerzen oder
Temperaturen sind sie oft erstaunlich unempfindlich.
Abschließend lässt sich sagen, dass ein Kind mit Asperger Syndrom in seiner
Entwicklung tiefgreifend beeinträchtigt ist.
Bei entsprechend intensiver und individueller Förderung, die seine Stärken
nutzt und seine Defizite auszugleichen sucht, ist ein Kind mit Asperger Syndrom
jedoch nach und nach dazu in der Lage, sich in die Gesellschaft einzugliedern
und mit seinen Fähigkeiten und Besonderheiten eine Bereicherung für die
Gemeinschaft zu sein.